Antifaschistische Bildungsreise nach Paris

24 Menschen aus unterschiedlichen Teilen Sachsens machten sich am 26.April auf den Weg nach Paris um sich über den Widerstand gegen die Nazis zu informieren. Am Abend des ersten Tages machten wir Zwischenstation in Saarbrücken. Auf dem Gelände des Gestapo-Lagers „Neue Bremm“ trafen wir Horst Bernard, den Landesvorsitzende der Verfolgten des Nazi-Regimes – Bund der Antifaschisten Saar. Er schilderte uns die Entstehungsgeschichte des Lagers, welches kein Konzentrationslager war. „Neue Bremm“ war nicht der SS, sondern allein der Gestapo unterstellt. Es unterteilte sich in ein Frauen- und ein Männerlager.  Etwa 56 Tage blieben die Häftlinge in dieser „Hölle“ bevor sie in andere Konzentrationslager verlegt wurden. Die Aufseher wurden im Rahmen der Notdienstverordnung vom 15.Oktober 1938 vom Arbeitsamt in dieses Lager geschickt. Dabei entwickelten einige von Ihnen zu „Bestien“, so nach dem Krieg ehemalige Häftlinge. Der 63 Jahre alte pensionierte Bergmann Nikolaus Drokur veranstaltete Ertränkungen im sogenannten Löschteich als Spektakel, folterte und misshandelte äußerst gewalttätig. Horst Bernard hat einen ganz persönlichen Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus. So schilderte er die Bedingungen, unter denen seine Familie 1935 aus Deutschland nach Südfrankreich flüchtete, weil der Vater jüdischer Herkunft war und immer mehr Repressalien ertragen musste. Einheimische unterstützen die Familie bei der Wohnungssuche und konnten dem Vater auch einen Arbeitsplatz vermitteln, sodass sich die Familie Bernard recht wohl fühlte, bis 1939 alle Männer und Frauen deutscher Herkunft verhaftet, in Internierungslager in Frankreich gebracht wurden und dort auch ab dem Jahr 1940 Zwangsarbeit leisten mussten. Die Mutter mit den zwei Kindern, sechs Jahre und vier Jahre alt, wurde nicht inhaftiert. Auch der Vater konnte, nachdem das dritte Kind, das durch seine Geburt in Frankreich die französische Staatsbürgerschaft besaß, geboren wurde, das Lager wieder verlassen. Die Situation der Familie änderte sich dramatisch, als 1940 die Wehrmacht in Frankreich einmarschierte und auch im südlichen Teil Frankreichs, das unter der Vichy-Regierung stand, Staatsfeinde des NS-Regimes gesucht und verhaftet wurden. Nachdem deutsche Truppen auch Südfrankreich besetzten, lebte Horst Bernards Vater illegal, unter falschem Namen, und er und seine Frau  bauten mit anderen Emigranten eine Widerstandsgruppe gegen das Nazi-Regime auf. Die Gruppe verfasste und verteilte Flugblätter und versuchte Emigranten aus den Lagern zu holen, um sie vor den Verhaftungen und Deportationen zu schützen. Erst 1946 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Am Abend trafen wir Erich Später, den Geschäftsführer Heinrich-Böll-Stiftung Saarland sowie Mitstreiter_innen der Antifa Saar in der Europa-Jugendherberge. Sie berichteten über die Entwicklung des Saarlandes in den 30er Jahren und verschiedene Formen des Widerstandes zur damaligen Zeit. Ein interessanter Einblick. Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg in die französische Hauptstadt. Leider musste aufgrund des Verkehrschaos der für den Abend geplante Vortrag ausfallen. Dies eröffnete jedoch den Teilnehmer_innen die Möglichkeit, Paris und verschiedene Wirkungsstätten der Resistance auf eigene Faust zu entdecken. So war unweit des Hotels dies Tür, durch die dem deutschen Resistance-Kämpfer Peter Gingold die Flucht aus den Händen der SS gelang. Beschrieben ist dies im lesenswerten Buch "Paris - Boulevard St. Martin No. 11". Der 28.April begann mit der Besichtigung des Friedhofes Père Lachaise. Dort findet sich eine  Gedenktafel an die Pariser Commune. Die sozialistischen Ideen der Bewegung wurden von der konservativen Regierung mit militärischen Angriffen beantwortet. Drei Monate hielt sich die Commune, die Regierung ließ rund 30.000 Menschen hinrichten. Weiterhin befindet sich auf dem Friedhof  eine eigenes Gräberfeld für die Kämpfer_innen der Resistance und den unzähligen Opfern in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis. Am Nachmittag trafen wir Bernard Schmid, Rechtsanwalt der Pariser Antira-Initiative MRAP. Er informierte uns über die  Initiative und ihre Arbeitsschwerpunkte, wie Apartheid und Immigration. Die Bewegung gegen Rassismus und für Völkerfreundschaft setzt sich trotz der Einschränkung von staatlichen Fördergeldern mit ihren mehr als 2000 Mitgliedern in 150 Ortsgruppen  gegen  wachsende Fremdenfeindlichkeit und für die Menschenrechte ein. Daran anknüpfend berichtete er von dem momentane Rechtsruck in der französischen Gesellschaft. So schürt die rechte Partei „Front National“ Angst vor Flüchtlingen aus Tunesien.  Noch keine vier Jahre ist es her, dass diese Partei weitgehend totgesagt war. Seit 25 Jahren bei lokalen und überregionalen Wahlen erfolgsgewöhnt, war der extrem rechte Front National (FN) plötzlich in ein tiefes Loch gefallen. Nachdem seine Wahlergebnisse auf frankreichweiter Ebene über ein Jahrzehnt lang rund um die 15 Prozent lagen, erhielt er bei den Parlamentswahlen im Juni 2007 nur noch 4,3 % der Stimmen. Dadurch wurde auch eine Finanzkrise der Partei ausgelöst, da die staatliche Parteienfinanzierung in Frankreich sich nach den Parlamentswahlergebnissen der unterschiedlichen politischen Kräfte richtet. Der neue Held für viele rechte Wähler_innen hieß Nicolas Sarkozy. Doch das neue „Idyll“ währte nicht lange. Seit dem Winter 2009/10 kippt diese Situation zunehmend um. Seitdem Marine Le Pen im Januar 2011 zur neuen Parteivorsitzenden des FN gewählt wurde, gibt es scheinbar kein Halten mehr. Alle Umfragen bescheinigen der neuen Chefin des FN zwei Monate später, dass sie bei der Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2012 in die Stichwahl (an der nur zwei KandidatInnen teilnehmen können) einziehen wird; prognostiziert wurden ihr ein gutes Jahr zuvor bis zu 24 Prozent der Stimmen. Bei den Bezirksparlamentswahlen im März dieses Jahres erhielten die Kandidaten des FN im ersten Durchgang durchschnittlich 19,2 %, und in den Stichwahlen – dort, wo sie antreten konnten – steigerten sie sich im Schnitt auf 35,5 %. Sorgen darüber, durch die neue Dynamik auf der Rechten abgehängt zu werden, muss sich derzeit eher Nicolas Sarkozys UMP machen. Hinter den Kulissen tobt dort bereits der Streit um eventuelle Annäherungen an den Front National. Am vorletzten Tag stand der Besuch des Resistance-Museums Mémorial Leclerc und des Musée Jean Moulin an. Das Mémorial Leclerc (offiziell: Mémorial Leclerc et de la Libération de Paris - Musée Jean Moulin) ist ein Museum im Stadtteil Montparnasse. Es befindet sich auf dem Dachgarten des Bahnhofs Montparnasse. Das Doppelmuseum erinnert an zwei bedeutende Gestalten des Zweiten Weltkriegs aus Frankreich. Der eine war Marschall Philippe de Hauteclocque (1902-1947), genannt Leclerc, der mit seiner 2. Französischen Panzerdivision die Schlacht um Paris schlug und so zum militärischen Kopf der Befreiung der Stadt wurde. Der andere war Jean Moulin (1899-1943), der in Charles de Gaulles Auftrag die Résistance reorganisierte und noch vor dem Ende des Krieges nach schwerer Folter starb. Das wenig bekannte Museum dokumentiert den Verlauf des Zweiten Weltkrieges mit der Rolle der Forces françaises libres Frankreichs auf Seiten der Alliierten (besonders in Nordafrika) und die Kämpfe gegen die Achsenmächte. Ausstellungsstücke sind Untergrundzeitungen, Propagandaplakate des Vichy-Regimes, Uniformen des Marschalls aus Afrika und Indochina, Medaillen, viele großformatige Fotos sowie Videos mit Interviews von Zeitzeugen. Den Nachmittag konnten die Teilnehmer_innen der Bildungsreise nutzen um Paris auf eigene Faust erneut zu erkunden. So konnte überall in Paris Hinweise zum Gedenken an den Widerstand und die Opfer der deutschen Besatzung entdeckt werden. Trotz einiger Schwierigkeiten hat sich die Reise gelohnt um wieder etwas Neues zu erfahren. Ein Dank für die finanzielle Unterstützung der Reise geht an: die linke Europafraktion GUE/NGL, die Fraktion DIE LINKE im Sächsischen Landtag, die linksjugend [`solid] Landesverband Sachsen, MdB Ilja Seifert, MdB Jörn Wunderlich, MdB Caren Lay, MdL Kathrin Kagelmann, MdL Heiderose Gläß, MdL Kerstin Köditz sowie MdL Verena Maiwald. Jens Thöricht

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