Das Konzentrationslager Hainewalde

Hainewalde ist ein kleines Dorf in der Nähe von Zittau. In diesem Ort baute von 1749 bis 1753 die Adelsfamilie von Kyau ein Schloss im Renaissancestil, welches der letzte adlige Besitzer 1927 wegen Spielschulden an die Gemeinde Großschönau veräußern musste.

Am 26. März 1933 wurde der ehemalige Adelssitz von der Sturmabteilung (SA) – Sturm III-102 aus Dresden besetzt und das Schloss als sogenanntes „Schutzhaftlager“ eingerichtet. (1) Zum damaligen Zeitpunkt handelte es sich um eines der ersten sächsischen Konzentrationslager.

Hintergrund der Einrichtung dieser Schutzhaftlager, die seinerzeit im ganzen damaligen Deutschen Reich entstanden, war der Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 und die daraufhin in Kraft gesetzte „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“.

Landesweit begann eine offensichtlich gut vorbereitete Verhaftungswelle von Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen Gegnern des NS – Regimes. Die SA übernahm die Vorreiterrolle hierin.

In der damaligen Amtshauptmannschaft Zittau wurden die Häftlinge in Gerichtsgefängnisse oder hastig beschlagnahmten Kellerverliesen gebracht und häufig misshandelt.

Zwei Tag nach Einrichtung des Schlosses Hainewalde als Konzentrationslager (oder wie es hieß: Schutzhaftlager) wurden die bis dahin anderweitig untergebrachten Häftlinge dorthin verlegt. Zur „Begrüßung“ gab es zuerst ein Spießrutenlaufen durch ein SA – Spalier, wobei die Häftlinge mit Gummiknüppeln, Gewehrkolben und Ochsenziemern  geschlagen wurden, Beschimpfungen wie „Kommunistenschweine, rote Hunde usw.“ gehörten dazu. Der Alltag bestand aus stundenlangen stramm stehen, exerzieren und „Vernehmungen“ in der Schreibstube, die ausschließlich im Verabreichen von Schlägen und Tritten bestand. (2)

Die „Arbeitszeit“ war von 7.30 bis 18.00 Uhr, Frühstück, Mittag und Abendbrot musste im Laufschritt gefasst werden, Misshandlungen waren an der Tagesordnung, ebenso wurden die Häftlinge gezwungen, faschistische Lieder zu singen. Wer nicht laut genug mitsang, bekam Schläge mit dem Gummiknüppel. In den Zimmern gab es keine Tische und Stühle, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal; eingehende Post wurde zensiert. (3)

Die Häftlinge mussten schwer körperlich arbeiten, zur Bestellung der verwahrlosten Felder des Rittergutes wurden sie als „Zugpferde“ vor die Pflüge gespannt und dabei von den Posten misshandelt. (4) Andere Häftlinge wurden in Holzhackerkommandos eingesetzt.

Hier die Schilderungen von den „üblichen“ Misshandlungen: „Der Kommunist Arthur Stolle war am 5.März 1933 verhaftet worden. Nach seiner Einlieferung in das KZ Hainewalde musste er sich in der Wachstube mit dem Gesicht zur Wand stellen. Von den SA – Leuten wurde er  mit den Stiefeln in die Kniekehlen und in den Hintern getreten. Bei der Vernehmung wurden ihm folgende Fragen gestellt: „Bist Du ein Kommunist? Das werden wir dir austreiben. Kannst du „Heil Hitler“ sagen?“, dabei wurde er fortwährend mit der Faust ins Gesicht geschlagen.“ (5) Dies ging etwa eine Stunde so.  Andere Häftlinge mussten täglich Rizinusöl trinken, um wie die SA – Leute sagten „den Marxismus auszuscheißen“.

Am Schlimmsten wurden jedoch jüdische Häftlinge misshandelt. Einer der jüdischen Häftlinge wurde alle zwei Stunden im Vernehmungszimmer so unmenschlich behandelt, dass er stöhnend und auf allen Vieren kriechend wieder herauskam. Mit einem anderen jüdischen Häftling wurde „Anschauungsunterricht“ veranstaltet. Im großen Saal mussten alle Häftlinge antreten, der jüdische Häftling wurde in der Mitte auf vier zusammengestellte Tische gelegt und mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben bewusstlos geschlagen.

Dabei fielen immer wieder rassistische Äußerungen durch die SA, so sagte Standartenführer Paul Unterstab: “Da, seht euch die Judenschweine an, die euch erwerbslos gemacht haben.“ SA – Führer Heinze äußerte: „Verfluchter Saujude, du hast das ganze deutsche Volk verseucht“. Nachdem er halbtot dalag wurde er in ein Auto gezerrt und von der SA über die tschechische Grenze gefahren und dort auf ein Feld geworfen. Dort von tschechischen Grenzposten gefunden und in ein Krankenhaus gebracht, konnte er noch die Vorfälle schildern, bevor er an den Misshandlungen starb. Die Sache wurde am 2. April 1933 über die internationale Presse ruchbar. (6)
Die Aufzählung der Quälereien und Misshandlungen könnte noch seitenlang fortgesetzt werden.

Die medizinische Behandlung war miserabel. Der in Hainewalde tätige Arzt Dr. Schubert, selbst überzeugter Nazi, vernachlässigte die medizinische Behandlung und sagte später aus, er habe Misshandlungen nicht mitbekommen. Er erhielt eine Zuchthausstrafe von 3 Jahren, sein Vermögen wurde eingezogen.

In den ersten Wochen wurde das Lager vom SA – Sturm Dresden unter Führung des Sturmbannführers Jirka, eines brutalen Schlägers verwaltet. Nachdem die schweren Misshandlungen ruchbar wurden, wurde der Dresdner SA –Sturm abgezogen und durch die Standarte 102 der Amtshauptmannschaft Zittau unter Paul Unterstab ersetzt. Die Lagerleitung wechselte in der Folgezeit noch öfter, das Lager wurde durchschnittlich von 150 SA – Männern „gesichert“.

Am 10. August 1933 wurde das KZ Hainewalde aufgelöst, die Häftlinge, soweit sie nicht entlassen wurden, wurden auf andere Lager verteilt. (7)

Auch wenn es lange dauerte, so schlug die Stunde der Gerechtigkeit dennoch. Nach der Befreiung vom Faschismus und nachdem antifaschistische Polizei- und Justizorgane ihre Arbeit aufnehmen konnten, wurden etliche der SA –Männer 1948 verhaftet und vor Gericht gestellt. Am 1. und 2. Oktober 1948 verhandelte die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Bautzen im Belegschaftssaal der Zittauer Textilwerke gegen 37 ehemalige SA –Männer, unter anderem auch gegen den ehemaligen Lagerarzt Dr. Schubert.

Die Angeklagten hatten die Möglichkeit der Verteidigung, ein Recht, das die ehemaligen Lagerinsassen 1933 nicht hatten, sie hatten damals keine Möglichkeit gerichtliche Hilfe gegen ihre Inhaftierung in Anspruch zu nehmen und kein Recht auf anwaltlichen Beistand. Die Anklageschrift und das Urteil des Landgerichts sind erhalten.

Das Gericht verurteilte die Angeklagten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemäß dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20.12.1945 und der alliierten Ausführungsbestimmungen zu Haftstrafen, die unterschiedlich hoch ausfielen, je nach Tatbeteiligung und nazistischer Betätigung. Dr. Schubert erhielt die höchste Strafe. (8)

Die Lausitzer Rundschau berichtete ausführlich darüber. Insgesamt waren die Strafen recht milde, was daran lag, dass lediglich die „kleinen Fische“ gefasst werden konnten. Die Haupttäter waren entweder verstorben oder hatten sich in die westlichen Besatzungszonen abgesetzt, das Gericht ging davon aus, dass lediglich ein Zehntel der Täter verurteilt werden konnten. Ob sie dort je gefasst und verurteilt wurden, ist nicht bekannt, dürfte aber zweifelhaft sein, denn im beginnenden „Kalten Krieg“ waren sie sicher wieder gefragte „Fachleute“.

Quellen:
1. http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/1845/wie ein Schloss Zuchthaus wurde vom 13.12.2010 ; Willi Nitzsche, KZ Hainewalde1933 o.J., S.4f.

2. Willi Nitzsche,a.a.O., .S.7.

3. Willi Nitzsche a.a.O. S.8.

4. Willi Nitzsche a.a.O., S.9.

5. Willi Nitzsche a.a.O., S.11

6.  Will Nitzsche a.a.O., S.11 ff.

7.  Willi Nitzsche a.a.O, S.20

8. lt. vorliegender Prozessakte
Anklageschrift Urteil Lagerarzt Schubert

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