Lager Biesnitzer Grund in Görlitz

Als die Waggon- und Maschinenbau AG (WUMAG) 1939 das Gelände der ehemaligen Ziegelei-Maschinenfabrik Roscher von der Stadt Görlitz pachtete, war es längst beschlossene Sache, hier ein Lager zu errichten. Zunächst quartierte man dort 300 französische Kriegsgefangene ein. Nach dem Überfall auf Russland verwahrte man dann die so genannten Ostarbeiter auf dem Gelände. Ab November 1940 wurde die WUMAG zum „kriegswichtigen Unternehmen“ eingestuft. Damit war der Weg für die Organisation Schmelt frei ein „Zentrales Arbeitslager“ (ZAL) einzurichten.

Häftlinge aus Schlesien
Auch über 300 jüdische Häftlinge aus Schlesien mussten dann für die WUMAG schuften. Die Dienststelle des SS-Brigadeführers Albrecht Schmelt organisierte bis Mitte 1943 den Zwangsarbeitereinsatz von Juden in Schlesien und im Sudetenland. Schmelts Organisation errichtete ein Netz von bis zu 117 Lagern und verfügte zeitweilig über 50.000 Arbeitskräfte. Das größte Görlitzer Arbeitslager wurde im Biesnitzer Grund in der Nähe des Sportplatzes Eiswiese eingerichtet. 1944 wurde dieses Lager zum KZ-Außenlager umgewandelt und damit dem Stammlager Groß-Rosen unterstellt. Jetzt war das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) am Drücker, Zwangsarbeiter und Häftlinge wurden regelrecht an Rüstungs- oder kriegswichtigen Unternehmen verkauft.

Das WVHA verwaltete die SS-eigenen Industrien, Gewerbe und Betriebe in den Konzentrationslagern. Ferner waren ab 1942 dem WVHA sämtliche SS-Totenkopf-Verbände mit ihren KZ-Wachsturmbannen unterstellt. Die SS beutete nicht nur Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter erbarmungslos aus, in mobilen Mordschwadronen und den Todeslagern mordeten die „schwarzen Bataillone“ rigoros aus rassistischem Wahn.

Ab 8. August 1944 wurde das ZAL Biesnitzer Grund als KZ-Außenlager der Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Groß Rosen übernommen. Neben sowjetischen, polnischen und italienischen Kriegsgefangenen wurden anfangs 900, später bis zu 1.200 männliche und weibliche Gefangene jüdischer Herkunft aus beiden Lagern in das Görlitzer Lager verschleppt. Ende November 1944 soll das Außenlager Biesnitzer Grund mit 1.406 Häftlingen (1.106 Männer, 300 Frauen) die Höchstbelegungszahl erreicht haben.

Aufbau des Lagers
Um das Lager befand sich ein Zaun mit langen und kurzen Holzpfählen, dazwischen spannte sich Leitungs- bzw. Stolperdraht. Das Männerlager bestand aus 11 Baracken. Davon waren neun Unterkunftsbaracken für die Häftlinge. In den anderen befanden sich Küche, Waschraum, Krankenrevier und Vorratslager. Das Frauenlager hatte nur zwei oder drei Baracken. Der Lagerkommandant, Erich Rechenberg, bewohnte eine auf einem Lehmhügel errichtete Baracke mit moderner Ausstattung. Der Oberlagerführer, Joachim Zunker, wohnte hinter der Küche.

Ein Überlebender des Lagers, Shlomo Graber, erinnert sich in seiner Biographie: „Das Lager war von zwei unter Strom stehenden Stacheldrahtzäunen umgeben, zwischen denen in voller Länge ein Graben entlang lief. Am Eingangstor stand ein Wachposten. Ein Stückchen weiter, rechts des Lagers, lagen die Quartiere der Soldaten. Zur linken führte ein Weg zum Frauenlager, das vom Männerlager völlig isoliert war. Die Wohnbaracken oder richtiger die Blocks der Häftlinge, standen nebeneinander. Für jeden Block wurde ein Blockältester ernannt. Die Deutschen bedienten sich in den Lagern einer Anzahl jüdischer Häftlinge, die Vorrechte, bessere Bedingungen und reichhaltigere Nahrung genossen, solange sie die Durchführung des grausamen Regiments über ihre Mithäftlinge unterstützten. Das waren die Kapos und die Blockältesten. Im Zentrum des Lagers befand sich der Appellplatz. Darum gruppierten sich die Blocks, die Küche mit einem Spülstein draußen, der Schweinestall und das Krankenrevier, das wir auch Leichenkammer nannten, weil nur wenige lebendig von dort wieder heraus kamen. Die Blocks enthielten Etagenbetten mit einem strohgefüllten Jutesack, der eine Matratze sein sollte, und einer einzigen Wolldecke. In jedem Bett wurden zwei Häftlinge untergebracht. In der Mitte des Blocks stand ein Heizofen.“

Eine Wachmannschaft lebte in einer Baracke direkt vor dem Arbeitslager. Alle Häftlinge wurden in der Rüstungsproduktion eingesetzt, denn in Görlitz befand sich u.a. die Fertigung von Motoren für Flugzeuge und Kriegsschiffe, Pumpen für V-Waffen, optische Geräte und Granaten, sowie Aufbauten für Infanteriefahrzeuge. Wie die Zwangsarbeiter zuvor arbeiteten die Häftlinge in der Waggon- und Maschinenbau Aktiengesellschaft Görlitz (WUMAG).

Ein Teil der Häftlinge stellte im Waggonbau teilgepanzerte Fahrzeuge her. Andere schufteten in der C- Halle bei der Granatenproduktion. Der Umgang mit schweren Eisenbrocken von Granatenrohlingen wurde den entkräfteten Häftlingen hier jedoch zur Qual. Am schwersten hatten es jedoch diejenigen, die am Glühofen bzw. an der daneben stehenden Schanze eingesetzt wurden. Auch im Reichertlager setzte man Häftlinge zum Arbeiten ein. Diese waren ständig großen Schikanen ausgesetzt, da sie Gelegenheit gehabt hätten, aus den Abfallkübeln Brot, Äpfel oder ähnliche Nahrungsmittel mit ins Lager zu nehmen. Nach Arbeitsschluss kontrollierte man regelmäßig die Taschen der Häftlinge. Wer etwas mitgenommen hatte, wurde mit fünf bis zehn Peitschenhieben bestraft. Der Oberlagerführer gebrauchte seine Lederpeitsche sowieso bei dem kleinsten Vergehen.

Kohlsuppe und Pferdefleisch
Die Verpflegung war schlecht und unzureichend. Das Mittagessen bestand aus Kohl und Pferdefleisch. Die in den Baracken befindlichen Schädlinge piesackten die Gefangenen beim Schlafen, im Winter froren sie wegen unzureichender Kleidung.

Zum Abtransport der Leichen ins Görlitzer Krematorium verpflichtete man das städtische Speditionsunternehmen Schubert. Aus dem Protokoll des Prozesses gegen den Nazi-Bürgermeister Dr. Hans Meinhaus (06.-22.4.1948) geht hervor, dass wöchentlich 20 – 25 Leichen abzuholen waren. Von April 1944 bis Februar 1945 wurden 148 jüdische Bürger eingeäschert. Die ersten Urnen in der Zeit vom 24.08. bis 10.10.1944 überstellte man an das KZ Groß-Rosen. Insgesamt sind es in diesem Zeitraum 24 gewesen.

Heimliche Hinrichtungsstätte
Die Häftlinge, die nach dem 10. Oktober starben, wurden im städtischen Krematorium eingeäschert und auf dem städtischen Friedhof beigesetzt. Die Urnen befinden sich heute unter dem Mahnmal auf dem jüdischen Friedhof. Ab dem 2. Februar 1945 wurden die Häftlinge in zwei Massengräbern auf dem jüdischen Friedhof verscharrt. Als diese 1948 geöffnet wurden, fand man 173 Leichen in vier Schichten übereinanderliegend vor. Die 173 Toten waren vermutlich nicht alle Zwangsarbeiter. Neben seiner Funktion als Arbeitslager war der Biesnitzer Grund heimliche Hinrichtungsstätte für sowjetische Kriegsgefangene und politische Häftlinge.

NSDAP – Kreisleiter Dr. Bruno Er­win Fritz Ma­litz befahl am 08. Februar 1945 die Evakuierung des Lagers, da die Rote Armee immer näher rückte. 25 Gehunfähige wurden noch vor Beginn des Todesmarsches durch Genickschuss getötet. 40 Häftlinge blieben im Lager.

Anfang März 1945 beorderte man die KZ-Insassen aus dem Lager Rennersdorf zurück in den Biesnitzer Grund. Die Frontlage hatte sich im niederschlesischen Raum wieder stabilisiert.  Nun setzte man die Häftlinge für den Festungsbau ein. Man ließ sie Panzersperren und Schützengräben in Görlitz bauen.

Die Befreiung des Lagers
Die Wachmannschaft verließ das Lager vor dem Einrücken der Roten Armee am 7. Mai 1945. Das Lager Biesnitzer Grund wurde am darauf folgenden Tag befreit. Ein Überlebender, Dr. Jaakow Kinrus, erinnert sich: „Am 8. Mai 1945 früh um sechs Uhr sind wir aufgestanden, aber haben gesehen, dass Lagerführer und Lagerältester und alle, die uns bisher bewacht hatten, verschwunden waren. Von weitem hörten wir die Schüsse und sahen, dass russische Truppen sich näherten. Deshalb hängten wir eine weiße Fahne heraus und gingen ihnen entgegen… Einer, der Russisch konnte, sagte ihnen: ´Hört mal zu, das ist ein Arbeitslager und wir sind Juden …´ Ich war immer negativ zu Russland eingestellt. Aber Tatsache ist, sie haben mir das Leben gerettet. Ich bin der Roten Armee dankbar, die mich befreit hat… Gleich nach der Befreiung verhandelte ich mit den russischen Ärzten, damit sie den Kranken und Frauen Hilfe leisten konnten. Dann bildeten wir ein Ortskomitee, das mit den Russen zusammen-arbeitete und allen half, in ihre Heimat zurückzukehren.“

Zuvor ließ am 02.Mai 1945 ein Oberleutnant alle Häftlinge zum Appell rufen, um Ihnen ihre Freiheit offiziell zu verkünden. Bei dem Appell erklärte der Offizier, dass die Lagerbesatzung auf die amerikanische Seite überlaufen werde, und bat die ehemaligen Häftlinge, sich ihnen anzuschließen. Zu seinem Leidwesen kam außer den Kapos und den Stubenältesten keiner mit.

Da die ehemaligen Bewacher des Lagers, die den sowjetischen Soldaten in die Hände gefallen waren, ihnen aufgebunden hatten, unser Lager sei ein wichtiger Militärstützpunkt, in der Hoffnung, durch die Bombardierung würden Beweismittel gegen sie ausgelöscht.

„Die Bombenangriffe dauerten an. Wir suchten Unterschlupf und fanden ihn in der Ziegelfabrik. Am 8. Mai saßen wir immer noch in dem Gebäude, ohne zu wissen, was draußen vor sich ging. Einer von uns erklärte sich bereit, im Schornstein hochzuklettern, um die Lage zu peilen. Als er oben angelangt war, schrie er; ‚Die Russen sind da!‘ Wir liefen hinaus und sahen, dass die Russen den Stacheldrahtzaun durchschnitten. Wir überhäuften sie mit Küssen. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass mir Tränen in den Augen standen.“, so Shlomo Graber weiter.

Nach der Befreiung des Lagers verbrannte man die Häftlingskleidung. Die Baracken wurden später abgerissen. Insgesamt verloren 323 Menschen ihr Leben. Die Opfer auf den Todesmärschen bleiben ungezählt.

Der erste Lagerkommandant für das KZ-Außenlager Görlitz sowie für die Lager Bautzen, Kamenz, Kratzau, Niesky und Zittau war Erich Rechenberg der mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe des Görlitzer Lagers in einer Holzbaracke lebte. Später wurde er nach Auschwitz versetzt. Ab August 1944 war Winfried Zänker der Lagerleiter im KZ-Außenlager Görlitz. Er kam aus Breslau von der SIPO (Sicherheitspolizei) und diente während des Krieges in der SS Leibstandarte Adolf Hitler. Die Wachmannschaften des Lagers bildete das 9. SS-Totenkopfbatallion, was sich meist aus älteren Reservisten und Weltkrieg I-Veteranen zusammensetzte.

Heutige Erinnerung
Am Eingang des jüdischen Friedhofs weist eine auf dem linken Eingangspfosten eingelassene schwarze Granittafel darauf hin, dass sich auf diesem Friedhof auch die letzte Ruhestätte von 323 Insassen des Außenlagers Biesnitzer Grund des KZ Groß-Rosen befindet.

Tafel am Eingang des jüdischen Friedhofes

Tafel am Eingang des jüdischen Friedhofes

Das ebenfalls den Opfern des Lagers Biesnitzer Grund gewidmete Mahnmal liegt im rechten hinteren Bereich des jüdischen Friedhofs. Es wurde am 9. November 1952 eingeweiht. Das Mahnmal wird von einem Davidstern aus rotem poliertem Granit abgeschlossen. Links und rechts sind zwei in Stein gearbeitete stilisierte Darstellungen der Menora aufgestellt.

Mahnmal auf dem juedischen Friedhof

Mahnmal auf dem juedischen Friedhof

Unter einem aus dem gleichen Material gestalteten Winkel ist auf dem Mahnmal folgende Inschrift in hebräischer und deutscher Sprache zu erkennen:

Hier ruhen 323 ermordete Kameraden
die im Konzentrationslager / »Biesnitzer Grund« Görlitz
in den Jahren 1943-1945
der Hitler-Tyrannei zum Opfer fielen.

Wir werden sie nie vergessen,
indem wir für den Frieden kämpfen!
Die Bürger der Stadt Görlitz
Ihre Seelen mögen ruhen in Ewigkeit.

Ein in der Nähe des Jüdischen Friedhofs am Ende der Fröbelstraße linkerhand befindlicher Gedenkstein ist den Toten des 1943 errichteten Außenlagers Biesnitzer Grund des niederschlesischen KZ Groß-Rosen gewidmet.

Quelle:
http://www.mahnung-gegen-rechts.de/pages/staedte/Goerlitz/pages/GoerlitzBiesnitzerGrund.htm

Landeszentrale für politische Bildung Sachsen

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