Konzentrationslager Leschwitz

Leschwitz-Posottendorf 1933 - Das KZ in der Tuchfabrik

Leschwitz-Posottendorf 1933 – Das KZ in der Tuchfabrik

Am 15. Februar 1933 eröffnete das sogenannte Schutzhaftlager KZ Leschwitz. Dort wählte die Görlitzer SA als Ort für ihre Untaten die Räume der ehemaligen Tuchfabrik Josef J. Hossner an der Seidenberger Straße aus. Zuvor hatte die SA ihre Gefangenen in der Innenstadt in der Garage des „Braunen Hauses“, Schützenstraße 6, gefoltert.

Das Dorf Leschwitz-Posottendorf wurde 1936 von den Nationalsozialisten in Weinhübel umbenannt. Damit sollte, dem allgemeine Wahn der Germanisierung folgend, die eigentlich slawische Herkunft des Ortsnamens auslöscht werden. Die Geschichte der dortigen Besiedlung reicht bis in die jüngere Steinzeit zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel der östlich der Lausitzer Neiße gelegene Teil Posottendorf an Polen und erhielt den Namen Lasowice. Der westlich der Neiße liegende Ortsteil Leschwitz wurde 1949 nach Görlitz eingemeindet, eine Rückbenennung erfolgte nicht mehr.

Anfang März 1933 besetzten Männer des SA-Sturm 19 das Görlitzer Volkshaus sowie das Gewerkschaftshaus. Verhaftet wurden SPD-Funktionäre und Gewerkschafter. Am 2. Mai wurden weitere 70 KPD- und 120 SPD-Mitglieder gefangen genommen. Unterlagen der Nationalsozialisten vom 2. Juli 1933 belegen, dass „Bettler und Personen, die (…) den Eindruck von Vagabunden (…) und politisch Verdächtigen (…) machten“, ebenfalls im KZ Leschwitz eingeliefert wurden. Wie die meisten der frühen Konzentrationslager in Deutschland (heute als „wilde“ KZ bezeichnet) war Leschwitz ein eher abgelegener Ort, an dem die SA abseits der Öffentlichkeit ungestört foltern und terrorisieren konnte.

Paul Schwerin (1893-1970) erinnert sich an seine Einlieferung in Leschwitz: „Im Vernehmungsraum hingen ‚erbeutete‘ Fahnen, rote Fahnen der Arbeiterbewegung von der Decke herab. Weil die Vernehmung trotz der vielen Fragen, die an mich gestellt wurden, nicht den erhofften und erwünschten Erfolg brachte, fingen die Gemüter an rebellisch zu werden. Sie drohten mir, mich aufzuhängen. Hackepeter aus mir zu machen. Auf ein Zeichen von SA-Truppführer Ernst Krüger warf man mir von hinten eine Decke über den Kopf und schleifte mich auf den Prügelbock und ich bekam zehn Schläge auf das blanke Gesäß gebrannt“.

Der wohl prominenteste Häftling, der SPD-Sekretär für Niederschlesien und Reichstagsabgeordnete Otto Buchwitz (1879-1964), von der Görlitzer SA als Hauptfeind betrachtet und mit der Ermordung bedroht, wurde im KZ-Leschwitz in eine „Sonderzelle“ gesperrt, die halb unter Wasser stand. Im Mai 1933 beschwerten sich Angehörige der Häftlinge bei der Görlitzer Ärztekammer über die Zustände im KZ-Leschwitz. Drei Ärzte führten daraufhin eine Inspektion durch und bescheinigten wider besseres Wissen die Unbedenklichkeit. Dies war für die Lagerleitung wichtig, denn unter anderem hatte die Vertretung der CSR gegen die Inhaftierung eines ihrer Bürger protestiert.

Auch organisierte die als „Deutsche Christen“ gleichgeschaltete Kirche in den ersten KZ, zu denen Leschwitz gehörte, für die Gefangenen Gottesdienste. Trost dürfte kaum einer der Inhaftierten dabei gefunden haben. Denn Pastor Friedrich Kiock gab den Gefangenen Hitlers „Mein Kampf“ zu lesen. Der Tagesablauf der Inhaftierten war meist durch willkürliche Beschäftigung bestimmt. Zehn bis 20 Gefangene arbeiteten auf Feldern Leschwitzer Großbauern, andere mussten Kartoffeln schälen, den Hof kehren oder für den Lagerkommandanten private Aufgaben verrichten. Es kam vor, dass einen ganzen Tag lang Sand von einer Ecke des Lagers in die andere gekarrt werden musste, ohne das ein Sinn dahinter steckte.

In Leschwitz waren insgesamt vermutlich 1.200 bis 1.500 Personen inhaftiert, davon über 300 dauerhaft. Es handelte sich dabei hauptsächlich um KPD- und SPD-Angehörige sowie parteilose Gegner des Nationalsozialismus aus der Region um Görlitz. Das Regime im Lager führte die berüchtigte SA-Standarte 19, die ihren Sitz in der Görlitzer Furtstraße 3, (Rechts von der Brückenstraße aus) hatte. Kommandant des Lagers war der als äußerst brutal und korrupt bekannte SA-Truppführer Ernst Krüger aus Kohlfurt (heute Wegliniec in der Woiwodschaft Niederschlesien).

Die Zustände im Lager drangen immer öfter nach außen. Denn um für sich selbst Nutzen zu ziehen, ließ Krüger sogar unpolitische Handwerksmeister verhaften, was in der Bevölkerung Unmut erregte. Vermutlich aus diesem Grund wurde Krüger schließlich abgelöst und durch Sturmführer Langner ersetzt. Verhöre der Häftlinge übernahm jetzt direkt die Geheime Staatspolizei (Gestapo), nicht mehr die SA.
Am 30. August 1933 wurde das provisorische SA-KZ Leschwitz schließlich aufgelöst. Die verbliebenen Gefangenen wurden in andere Lager verlegt.

Im Jahr 1948 wurde dem ehemaligen SA-Sturm aus Görlitz im Humboldthaus öffentlich der Prozess gemacht. Ernst Krüger wurde zu 15 Jahren Zuchthaus und dem lebenslänglichen Verlust aller bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Krüger hatte, um seinem Treiben besonders intensiv nachgehen zu können, sogar zusammen mit seiner Frau eine Wohnung im ersten Stock des Fabrikgebäudes bewohnt. Die übrigen Angehörigen der SA-Wachmannschaften wurden mit Zuchthaus- und Gefängnisstrafen zwischen zwei Monaten und acht Jahren bestraft.

Heutige Erinnerung
Auf einer Gedenktafel in der Nähe der Ortsmitte von Weinhübel auf der Seidenberger Straße steht geschrieben: „Zum Gedenken an die Helden des Widerstandskampfes gegen Faschismus und Krieg. 1933 errichteten die Faschisten auf dem Gelände der ehemaligen Tuchfabrik an der Neiße in Weinhübel ein Konzentrationslager in dem Antifaschisten aus Görlitz und Umgebung unmenschlich gequält wurden.“

Gedenktafel an das Lager Leschwitz

Gedenktafel an das Lager Leschwitz

Quelle:
[1] laut Bundesministerium der Justiz

http://www.mahnung-gegen-rechts.de/pages/staedte/Goerlitz/pages/GoerlitzKZLeschwitz.htm

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