Das KZ-Außenlager in Rennersdorf

NSDAP – Kreisleiter Dr. Bruno Er­win Fritz Ma­litz befahl am 11. Februar 1945 die Evakuierung des KZ-Außenlagers Görlitz im „Biesnitzer Grund“, da die Rote Armee immer näher rückte. 25 Gehunfähige wurden noch vor Beginn des Todesmarsches durch Genickschuss getötet. 40 Häftlinge blieben im Lager.

Die übrigen Häftlinge begaben sich auf den „Rennersdorfer Todesmarsch“
Shlomo Graber, Überlebender des Lagers, erinnert sich: „An jenem Tag hatte ich die ganze Nacht in der Küche gearbeitet und war voll angezogen auf dem Bett eingeschlafen. Ich schlief so fest, dass ich nichts von dem hörte, was um mich her vorging. Plötzlich bekam ich mit dem Gewehrkolben einen Schlag auf den Kopf. Vor mir standen drei SS-Männer, die Seitengewehre auf mich gerichtet, und ich hörte sie brüllen: Hände hoch. Der Kolbenschlag hatte mich verwundet, das Blut lief mir übers Gesicht. Ich musste mit erhobenen Händen hinaus marschieren, begleitet von den SS-Leuten. Diesmal glaubte ich wirklich, dies sei mein Ende, besonders, als ich die vielen Schüsse rings um mich hörte. Mit jedem Schritt vorwärts, in Begleitung der SS- Wache, sah ich mich dem Grab näher kommen. Sie führten mich aus dem Lager hinaus zu den Abmarschbereiten.“

Der Marsch begann, die Wächter zeigten ungewöhnliche Nervosität, besonders die Ukrainer, wenn sie den Russen in die Hände fielen, machten diese kurzen Prozess mit ihnen, aber trotzdem hatten sie kein Erbarmen mit uns…

Nach einem Marsch von sechs Kilometern – für uns eine schier endlose Entfernung – gelangten wir zu einem Bauernhof in Kunnerwitz. Wir wurden im Pferdestall untergebracht. Auf dem Gelände fanden wir Zuckerrüben in der gefrorenen Erde. Wir fertigten uns provisorische Grabstöcke, mit deren Hilfe wir die Rüben ausgruben. Das war die einzige Nahrung[…]. Wir marschierten weiter über die Ortschaft Friedersdorf nach Sohland. Auch in diesem Dorf wurden wir im Pferdestall eines Bauernhofes untergebracht. Der Ort bot ein wenig Schutz vor der schlimmen Kälte. Wir lagen auf dem Stroh, auf dem Heuboden über uns lagerten die Frauen. Auch hier ernährten wir uns von Zuckerrüben. Nach ein paar Tagen erklärte der Lagerälteste, wir würden den Marsch fortsetzen und am Zielort bekämen wir was zu essen. Etwa 15 Häftlinge blieben zurück, um auf dem Hof zu säubern. Sie stießen ein paar Stunden später wieder zu uns. Wir mussten zum Appell antreten. Der Befehlshaber fragte: ‚Wer kann nicht mehr weitergehen?‘ Neun Häftlinge meldeten sich. Man ließ sie einen Karren besteigen, auf dem auch ein paar Leichen lagen. Dann warf man noch ein paar Hacken und Schaufeln mit auf. Anfangs freuten sich die Häftlinge, dass sie fahren durften, aber unterwegs wurde der Wagen vom Weg auf ein nahes Feld am Waldrand umgeleitet. Die neun mussten absteigen. Die Ukrainer gaben ihnen die Schaufeln in die Hand und befahlen ihnen, eine Grube auszuheben. Die Häftlinge begriffen, dass das ihr Ende war. Unter ihnen befand sich ein junger Jude von etwa 17 Jahren aus Ungarn. Er rannte von einem Ukrainer zum ändern, fiel einem zu Füßen, umschlang seine Knöchel, flehte weinend um sein Leben und rief: ‚Ich kann gehen, ich mach alles, was ihr sagt, lasst mich am Leben!‘ Aber ehe er noch sein Flehen beendet hatte, streckte ihn eine Kugel nieder[…]. Wir kamen in die Ortschaft Rennersdorf, wurden wieder im Pferdestall eines Bauernhofes untergebracht. Der Ort wirkte wie eine Geisterstadt, die ganze Gegend war menschenleer. Die Eigentümer des Bauernhofs, die bereits vorher geflohen waren, hatten die Pferde mitgenommen, die Schafe aber zurück gelassen. Die Deutschen schlachteten sich Schafe, warnten uns jedoch, wer sich an den Schafen vergreife, sei des Todes. Hier teilte man uns auch je eine Scheibe Brot zu, die jeder wie einen Schatz in seinem Brotbeutel hütete, um sie krümelweise zu essen.

Ankunft im Lager Rennersdorf
Die Überlebenden des Todes­mar­sches aus dem KZ-Außenlager Gör­litz kamen am 23. Februar 1945 in das unweit von Herrn­hut gele­gene Ren­ners­dorf. Genauer gesagt quar­tierte man sie in einem alten Rit­ter­gut am Fuße des Ber­ges Eich­ler ein. Das Gut Ober­ren­ners­dorf befand sich seit 1765 im Besitz der Brüder-Unität Herrn­hut. Unter dem Vor­wand der Knapp­heit von Sied­lungs­land und der stra­te­gi­schen Lage in Grenznähe zur tsche­cho­slo­wa­ki­schen Repu­blik erwirkte die Wehr­macht nach zähen Ver­hand­lun­gen den Ver­kauf des Gutes Ober­ren­ners­dorf als Bestand­teil des Remon­team­tes (zusam­men mit dem Ber­t­hels­dor­fer und Groß­hen­ners­dor­fer Gut) am 03. März des Jah­res 1937. Dem dama­li­gen Pächter Rosen­berg wurde im Juli desselben Jah­res gekündigt. Das tote, wie auch das benötigte lebende Inven­tar ging in den Besitz der Wehr­macht über. Die land­wirt­schaft­li­chen und forst­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mun­gen setzte man fort, wobei die Pfer­de­auf­zucht eine wesent­li­che Rolle spielte. Laut dem Ren­ner­dor­fer Orts­chro­nis­ten war der dama­lige Wirt­schafts­vogt und Betriebsführer ein gewis­ser Rein­hold Leh­mann. Außer ihm wohn­ten noch eine Reihe ande­rer Per­so­nen auf dem Gut: der Tier­arzt Zwerschke mit sei­nem Sohn, ein Schäfer namens Schlaffke sowie die Fami­lien Bittrich, Feder, Engel und Weber.

Wel­cher Art war das Lager in Ren­ners­dorf?
Genau wie das Görlitzer Lager im Bies­nit­zer Grund, aus dem die Häft­linge gekom­men waren, ist das Lager in Ren­ners­dorf defi­ni­ti­ons­gemäß kein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Ebenso wenig kann man es als Arbeits­kom­mando bezeich­nen, da nur geringfügige Arbeitseinsätze erfolg­ten. Viel­fach wurde das Lager in der Lite­ra­tur als KZ-Außenlager bezeich­net, wobei es jedoch, ent­ge­gen Isa­bell Spren­gers Annahme, kein rei­nes Männerlager war. Ange­sichts der  Tat­sa­che, dass die Gefan­ge­nen nur für knapp zwei Wochen in Ren­ners­dorf ver­weil­ten und anschlie­ßend wie­der an ihren Aus­gangs­punkt nach Görlitz zurückkehrten, scheint es im wörtlichen Sinne ein Aus­weich­la­ger gewe­sen zu sein. Im Archiv des KZ Groß-Rosen, sowie in den Verwaltungsbüchern der Gemeinde Ren­ners­dorf, exis­tiert kein ein­zi­ges Doku­ment, was den Zusam­men­hang mit dem Haupt­la­ger erken­nen lässt. Offen­bar gab es für diese ein­zige Ein­quar­tie­rung von KZ-Häftlingen eine Übereinkunft zwi­schen SS oder der Görlitzer Kreis­lei­tung und der  Wehr­macht als Eigentümer der Gebäude und Ländereien. Jenes Außen­la­ger hatte einen stark pro­vi­so­ri­schen Cha­rak­ter und ist kurz­fris­tig ein­ge­rich­tet wor­den. Das Gelände war weder durch einen Zaun gesi­chert, noch von der zivi­len Außen­welt iso­liert. Die kurz vor­he­rige Nut­zung als Remontegestüt war für die Gefan­ge­nen mehr als offensichtlich.

Men­schen statt Pferde
Die Unter­brin­gung erfolgte im Pfer­de­stall. Die­ser grenzt nicht direkt an den Guts­hof, son­dern befin­det sich ca. 70m nördlich zwi­schen einem klei­nen Wäldchen und der heu­ti­gen Beton­straße, die aus dem Ober­hof in Rich­tung Neun­dorf führt. Der Pfer­de­stall teilt sich in vier Abschnitte. Im hin­te­ren, vier­ten Abschnitt, wel­cher dem Guts­hof am nächsten liegt, waren die Frauen unter­ge­bracht. In den ande­ren drei Abschnit­ten quar­tierte man die Männer ein.

Lager­lei­tung und Wach­mann­schaf­ten in Ren­ners­dorf
Die Kom­man­do­struk­tur der SS war in Ren­ners­dorf die­selbe, wie zuvor in Görlitz. Erich Rechen­berg als Lager­kom­man­dant ver­blieb in Görlitz und kam nur gele­gent­lich nach Ren­ners­dorf. Lagerführer Zun­ker, Rapportführer sowie die älteren SS-Leute und die äußerst grau­sa­men ukrai­ni­schen SS-Männer bezo­gen in Ren­ners­dorf Quar­tier. Ein Groß­teil der Wach­mann­schaf­ten wohnte auf dem Gut, ein Teil soll auch bei Wun­der­lichs und andere bei Wen­zels auf dem Git­tel­berg logiert haben. Zumin­dest der Lagerführer bezog während die­ser Zeit mit sei­nen Hun­den und sei­nen bediens­te­ten Häftlingen („Stie­fel­put­zer“) die Schmidt-Mühle am Fuchsberg.

Zurück nach Görlitz
In Rennersdorf verblieben die Häftlinge bis zum 8. März 1945. Neun Häftlinge wurden in einem nahe gelegenen Waldstück erschossen. Nachdem die Frontlage sich im niederschlesischen Raum wieder stabilisiert hatte, beorderte man die KZ-Insassen zurück in den Biesnitzer Grund.

Noch einmal aus den Erinnerungen von Shlomo Graber: „Vor dem Abmarsch gab es einen Appell. Solche Appelle waren etwas alltägliches. Die SS-Bewacher wollten wissen, wie viele von uns Häftlingen noch übrig waren. Wir standen rund 30 Kilometer von Görlitz entfernt. Sie fragten, wer marschunfähig sei. Es meldeten sich rund hundert Leute, die per Laster ins Lager Görlitz gefahren wurden. Als wir dort eintrafen, fanden wir sie lebend vor. Auch die Kranken, die im Lager verblieben, lebten noch. Wir waren einen ganzen Tag marschiert. Das gute Wetter hat uns das Gehen erleichtert.“

Erinnerung:
Heute erinnert auf dem Rennersdorfer Friedhof eine Gedenkplatte an den Todesmarsch. Ebenfalls befindet sich auf dem Friedhof ein Grabstein für 10 jüdische Männer, die im März 1945 von der SS ermordet wurden.

Quellen:
Aus­zug aus dem Buch: “Die KZ-Außenlager Gör­litz und Ren­ners­dorf”, Neisse-Verlag, Dres­den 2008, von Niels Seidel
Mehr Informationen unter: http://www.nise81.com/archives/1046

http://www.mahnung-gegen-rechts.de/pages/staedte/Goerlitz/pages/GoerlitzBiesnitzerGrund.htm

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